Dass Russland und die Ukraine immer eins gewesen seien, ist ein Stück Sowjetpropaganda. Die Bolschewisten verhinderten 1920 die Bildung eines unabhängigen ukrainischen Staates, der 1991 doch noch entstand. Seither driften die beiden Kulturen auseinander.
In Russland ist Stalin eine der beliebtesten Persönlichkeiten der Geschichte, in der Ukraine nicht. Die meisten Russen sind der Meinung, ihr Land müsse von einem «starken Führer» regiert werden, Ukrainer nicht. Der Spruch «Wir sind Sklaven, wir brauchen die Knute und den Zaren» gehört in Russland zur kulturellen Grundausstattung. Ukrainer ziehen es vor, Autoritäten zu verlachen oder ihnen aus dem Weg zu gehen. Im Gegensatz zu Russen wollen Ukrainer nicht in Nachbarländer einmarschieren und kein Imperium errichten, niemanden erziehen und unterwerfen. Kein Ukrainer glaubt, sein Heimatland müsse stärker als die USA sein, wohl aber sind viele Russen dieser Ansicht. Der Freiheitsgedanke ist für die ukrainische Kultur der wichtigste, gespeist auch durch die kosakischen Traditionen. Ein wenig Anarchie als Preis für die Freiheit von staatlicher Gängelei wird akzeptiert.
Um die Unterschiede zwischen den Mentalitäten der beiden Länder zu verstehen, kann man auch zwei Zahlen ins Spiel bringen. In der Ukraine werden jährlich etwa 600 Frauen von ihren Ehemännern und Partnern getötet, in Russland bis zu 14 000 – eine erschütternde Differenz, auch wenn man berücksichtigt, dass Russland rund dreieinhalbmal so viele Einwohner zählt wie die Ukraine.
Russen fuhren oft durch das ostdeutsche Dorf meiner Kindheit an der deutsch-deutschen Grenze, Ukrainer nie. Alle sowjetischen Soldaten wurden Russen genannt. «Unsere Brüder.» Denn Brüder kann man sich nicht aussuchen, Freunde schon. Sie waren schuld, dass wir nicht ins nächste Dorf Richtung Westen laufen konnten und dass die Erde eine Scheibe war.
Russisch wollte ich nicht lernen. Heute lebe ich in der Ukraine und spreche fast nur noch russisch. Meine ukrainische Frau entscheidet je nach Stimmung, welche Sprache sie spricht, ihre Muttersprache Russisch oder ihre Vatersprache Ukrainisch. «Wenn ich schimpfe, dann schimpfe ich auf Russisch.» Das kann ich bestätigen. Aber warum?
«Sie ist die riskantere Sprache. Wenn ich in romantischer Stimmung bin, will ich ukrainisch sprechen. Im Ukrainischen gibt es keine Mutterflüche, keine zensierten Wörter. Deshalb kann man auf Ukrainisch nicht richtig schimpfen, es klingt lächerlich. Die russische Sprache nutze ich, wenn ich aggressiv bin, dann spreche ich automatisch russisch. So ist es bei mir persönlich.»
Russisch war in der Sowjetunion auch die Sprache in den Gefängnissen und Straflagern, so hat diese Sprache viele hässliche Worte aufgenommen.
«Die russische Welt» ist tatsächlich immerzu von innen bedroht, deshalb tritt sie so aggressiv nach aussen auf.
Mit dem Krieg begann im Jahre 2014 etwas vorher nahezu Unvorstellbares. Russen und Ukrainer schiessen aufeinander. Im Bewusstsein der Lebenden hat es so etwas noch nie gegeben, nur Jahrzehnte der Völkerfreundschaft in der Sowjetunion. Viele Menschen können kaum unterscheiden, ob sie nun Russen oder Ukrainer sind. Damals wurde die Nationalität in die sowjetischen Ausweise und Pässe eingetragen, heute nicht. Damals wie heute sind solche Zuschreibungen oft absurd. Meine Frau wäre demnach eine Halbrussin und Halbukrainerin, aber eigentlich eine «Achtelukrainerin», weil einer ihrer Grossväter «deutscher Russe» war, eine Grossmutter «polnische Ukrainerin». Und wenn man zeitlich noch weiter zurückblickte, verlören sich alle Spuren im Dunkeln, da in der Ukraine erst ab Ende des 19. Jahrhunderts Personalpässe eingeführt wurden.
Viele Menschen allerdings erfüllen, freiwillig oder unfreiwillig, die Klischees. Der Fotograf Oskar Mangur aus Poltawa entschied mit dem Beginn des Krieges, nur noch ukrainisch zu sprechen. Bloss mit seiner Zahnärztin spricht er russisch. Denn er hat Angst, sie könnte in ihm einen Nationalisten vermuten und ihm deshalb beim Bohren weh tun. Vor anderen Ärzten hat er nicht so viel Angst, mit ihnen spricht er ukrainisch.
Als ich ihn darauf hinweise, dass es doch zum Beispiel in der Schweiz oder in Kanada egal sei, welche der Amtssprachen man spreche, antwortet er mit dem Argument, die Schweiz und Kanada seien Konföderationen, freiwillige Zusammenschlüsse von Bundesstaaten, während Russland die Vereinigung mit der Ukraine erzwingen und die ukrainische Sprache, wie schon dreihundert Jahre zuvor, unterdrücken wolle.
Das Klischee vom bösen Ukrainer erfüllt beispielsweise der Schriftsteller Witali Sapeka. Seine Romane und Erzählungen über den Krieg im Donbass schreibt er auf Russisch. Aber wenn ein Russe ertränke und mit russländischem («rossiski») Akzent um Hilfe riefe, so würde er nicht reagieren, das hat er sich vorgenommen. Einen Menschen mit einem russischen («russki») Akzent aus der Ukraine würde er retten wollen. Witali hat auf einer russischsprachigen Schule gelernt, Russisch ist seine Muttersprache. Ukrainisch spricht er nicht besonders gut. Er versuchte einen Roman auf Ukrainisch zu schreiben, aber der ganze Reichtum dieser Sprache erschloss sich ihm nicht, so wechselte er wieder ins Russische. Drei Jahre hat er an der Front gedient, zuerst im Freiwilligenbataillon seiner Heimatstadt Poltawa, dann in der ukrainischen Armee.
Seine Begründung für die Verweigerung von Hilfe ist einfach. Alle Soldaten aus Russland, die im Donbass gegen ihn gekämpft haben, haben Freunde und Verwandte, die von den Kriegseinsätzen wissen. Alle helfen der russischen Regierung und der russischen Armee mindestens durch ihr Schweigen. Ukrainer würden protestieren, wenn ihre Regierung einen unerklärten Krieg führen oder russisches Territorium okkupieren würde, so seine Überzeugung. Tatsächlich geben 86 Prozent der Befragten in Russland an, sie unterstützten die «Angliederung» der Krim an Russland, obwohl immerhin 45 Prozent der Befragten wissen, dass Russland damit seine internationalen Verpflichtungen und Vereinbarungen verletzt habe.
Aber im russischen Fernsehen wundert und empört man sich allen Ernstes darüber, dass Russland in der Ukraine jeden Tag als Aggressor bezeichnet wird. Unzählige Beweise liegen vor, dass «Urlauber» aus Russland auf ukrainischem Territorium kämpften und starben, ausgerüstet mit den Waffen und der Technik der russischen Armee.
Das Propagandamärchen, dass «nur» Ukrainer auf Ukrainer schössen, glauben wohl nur Ausländer. Aber wohl fast jeder in Russland weiss, dass in der Ukraine russische Truppen kämpfen und nicht etwa ukrainische Traktoristen gegen Nato-Truppen, um einen Genozid zu verhindern, wie Präsident Putin behauptete. Ukrainer und Russen seien nach wie vor Brudervölker, meint er. Doch leider hätten die Ukrainer eine Regierung gewählt, der man auch Babys als Frühstück servieren würde, «wenn sie danach verlangten und Hunger hätten». Das waren «Liebesgrüsse» aus Moskau zum Jahrestag der Hungersnot in der Ukraine, des Holodomor, der in Moskau geplant worden war und in den Jahren 1932 und 1933 fast vier Millionen Opfer forderte.
Vielen Ukrainern gilt die Bezeichnung «Brudervolk» inzwischen als schlimmste Beleidigung, lieber lassen sie sich von Russen abfällig als «Dill» bezeichnen. «Niemals werden wir Brüder sein» heisst ein Gedicht der ukrainischen Dichterin Anastasia Dmitruk, geschrieben im März 2014 nach der russischen Annexion der Krim. Vertont und gesungen von litauischen Musikern, wurde es im Monat darauf als Videoclip präsentiert, der innerhalb weniger Tage mehr als fünf Millionen Mal angesehen wurde.
Obwohl Russen in dem Lied gar nicht erwähnt werden, weiss man auch so, wer gemeint ist: Denn nur die Russen beanspruchen, ein Brudervolk der Ukrainer zu sein. Nur sie sind nicht frei im Geist und haben sich zu Ältesten ernannt, nur sie sind alle schon in der Kindheit an die Kette gelegt worden. Wir, die Ukrainer, aber haben Molotow-Cocktails und heisses Blut in unseren Herzen, wir haben alle furchtlose Augen und sind auch ohne Waffen gefährlich. An sie, die nicht genannten Russen, werden neue Anweisungen erteilt, wir haben die Lichter der Rebellion. Sie haben den Zaren, wir die Demokratie.
Oskar Mangur erklärte mir, warum Wladimir Putin und Russland keinen Kompromiss mit der Ukraine eingehen können. «Wenn man sagen würde, Kinder, lasst uns den Krieg im Donbass und die Okkupation der Krim beenden und die besetzten Territorien zurückgeben, so würden Tschetschenen und Dagestaner und viele andere ebenfalls die Rechte für ihre Territorien einklagen. Die Chinesen wollen halb Sibirien zurückhaben. Und der Kuban gehörte bis in die zwanziger Jahre zur Ukraine und Smolensk zu Litauen. Und die Kurilen gehören zu Japan, und Kaliningrad ist eine deutsche Stadt. Wenn Russland auch nur einen Meter eroberten Territoriums an die rechtmässigen historischen Besitzer zurückgibt, wird es die Rechnung für dreihundert Jahre Kolonialismus bekommen. In einem tschetschenischen Lied heisst es deshalb: Wir einigen uns erst, wenn ich dir die Kehle durchschneiden kann. Davor haben die Russen Angst.»
Dreihundert Jahre lang, sagt der Freund, haben die Russen von Moskau aus andere Völker kolonisiert, deportiert, ausgerottet. Deshalb ist Putin-Russland in einer ausweglosen Lage. «Die russische Welt» ist tatsächlich immerzu von innen bedroht, deshalb tritt sie so aggressiv nach aussen auf.
Der Schriftsteller Christoph Brumme, 1962 im ostdeutschen Wernigerode geboren, lebt seit 2016 in der ostukrainischen Stadt Poltawa.