Selbst wo kein Auto hinkommt, kartografiert Google die Welt. Zum Beispiel auf der Inka-Feste Machu Picchu. (Bild: Pilar Olivares / Reuters)

Selbst wo kein Auto hinkommt, kartografiert Google die Welt. Zum Beispiel auf der Inka-Feste Machu Picchu. (Bild: Pilar Olivares / Reuters)

Google sagt, ob es eine Stadt gibt oder nicht: Wie die digitale Welt die Wirklichkeit bestimmt

Im Mittelalter steckten Könige und Fürsten ihre Territorien ab. Im digitalen Zeitalter kartieren Tech-Giganten wie Google Gebietsansprüche.

Adrian Lobe
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Im Sommer 2010 verschwand die Stadt Sunrise im US-Gliedstaat Florida von der Landkarte. Nicht, weil ein Hurrikan die Stadt verwüstet hätte. Sondern weil sie von Google Maps getilgt wurde: Die Stadt war in dem Kartendienst nicht mehr verzeichnet. Geschäfte, Restaurants, Hotels – alles weg. Wer nach Sunrise suchte, wurde zum 320 Kilometer entfernt gelegenen Ort Sarasota weitergeleitet. Einen Monat lang fristete die Stadt ein digitales Schattendasein.

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Google machte einen «technischen Defekt» für das Verschwinden verantwortlich. Für die 90 000-Einwohner-Stadt war die fehlende Kartierung eine mittlere Katastrophe. Ein Ladenbesitzer klagte, dass seine Umsätze einbrachen, weil ihn niemand mehr finden konnte. «Es fühlte sich wie ein bizarrer Roman an», sagte der Bürgermeister der Stadt. «Wir wachten eines Morgens auf und existierten nicht mehr in der digitalen Welt.»

Auch das Sein und Nichtsein von Völkerrechtssubjekten hängt heute von ein paar Programmierzeilen ab. 2010 führte eine fehlerhafte Grenzziehung zwischen Nicaragua und Costa Rica zu heftigen diplomatischen Spannungen zwischen den beiden Ländern. Google Maps hatte die Grenze entgegen dem geltenden Völkerrecht um ein paar Kilometer nach Süden verschoben, was Territorialgewinne für Nicaragua bedeutet hätte. Die Regierung von Costa Rica protestierte. Die «New York Times» identifizierte einen neuen Typus von Grenzkonflikten: den «Google-Maps-Krieg».

Den Persischen Golf? Gibt es nicht

Es ist nicht das erste Mal, dass es Ärger um geografische Bezeichnungen auf Google Maps gibt. Als Google 2012 den Namen «Persischer Golf» aus seinem Kartendienst strich, gab es heftige Proteste aus Teheran. Die iranische Regierung drohte dem Internetkonzern gar mit einer Klage, sollte dieser auf seinen Karten das Meer zwischen Iran und der Arabischen Halbinsel nicht wieder als Persischer Golf bezeichnen.

Der Kartenstreit verweist auf eine Machtverschiebung. Wo im Mittelalter Könige und Fürsten ihre Territorien absteckten, kartieren im digitalen Zeitalter Tech-Konzerne Gebietsansprüche. Doch die neue Herrschaft des Raums, die sich darin manifestiert, hat nochmals eine ganz andere Qualität: Google kann auf seinen Kontrollbildschirmen nicht nur sehen, wonach die Nutzer auf der Welt gerade suchen, sondern auch nachvollziehen, in welche Richtungen sich die Menschen bewegen.

Google weiss, welche Verkehrsmittel sie nutzen, welche Autobahnen befahren werden, welche Restaurants und Museen in den Metropolen angesteuert werden. Google weiss mehr als alle Statistikbehörden und Grundbuchämter auf der Welt – auch darüber, was auf den Territorien von Staaten vor sich geht. Die neue Machttechnik besteht nicht mehr darin, den Einzelnen zu verfolgen, sondern die Massen raumtechnisch zu kontrollieren und zu steuern.

Jede Bewegung ist ein Vektor

Der Philosoph und Medienwissenschafter Vilém Flusser differenziert in seiner Schrift «Räume» (1991) zwischen drei Raumtypen: dem Lebensraum, dem Weltraum sowie dem virtuellen Raum. Der öffentliche Raum sei funktionslos und verschwinde unter dem «immer dichter werdenden Netz von sichtbaren und unsichtbaren Kabeln».

«Der virtuelle Raum und der Weltraum beginnen, in den Lebensraum einzubrechen, ihn teilweise zu überdecken, und einander zu überdecken. Dadurch werden wir vom Boden (aus dem Hier und Jetzt) gerissen und gezwungen, vogelfrei zu werden.» Es gehe, so Flusser, im virtuellen Raum nicht um tatsächlich Kalkulierbares, sondern um «mehr oder weniger grosse Wahrscheinlichkeiten». Es werde, schrieb er bereits 1991, «technisch immer machbarer, Körper zu komputieren, die in nichts der Wirklichkeit der Körper nachstehen».

Löst man die damals noch von diffusen Science-Fiction-Vorstellungen von Netzen und Avataren geprägte Raumtheorie aus dem historischen Kontext und versucht sie auf die heutige Zeit zu übertragen, stellt man fest, dass auch Google einen virtuellen Raum aufspannt. Eine Matrix, in der die Bewegungen der Nutzer mithilfe von Vektoren berechnet werden. Jeder Nutzer ist ein Dummy in den Kalkulationen der Rechenzentren.

Die Öffentlichkeit hat keinen Raum

Google beherrscht durch seine Kartendienste und Navigations-Apps nicht nur den öffentlichen Raum, sondern auch den technischen Vorraum, in dem die Weichenstellungen vorgenommen werden. Welche Route man nimmt, welches Restaurant man auswählt – all das ist durch die Setzungen von Programmierern determiniert. Indem Algorithmen den Weg vorspuren, schrumpft zum einen der Raum für Übertretungen, zum anderen stabilisiert sich das datenförmige Grenzregime.

Es geht im virtuellen Raum darum, mit den Standortdaten von heute die Positionen von morgen zu bestimmen. In welchem Raum werden sich Personen aufhalten? Wo werden die Massen hinströmen? Was für Positionsänderungen gibt es? Die Folge dieser arkanen Raumplanung ist, dass sich viele Dinge, die den öffentlichen Raum tangieren, im toten Winkel der Öffentlichkeit abspielen. In dem Moment, wo opake Algorithmen die Koordinaten vorgeben, ist die Öffentlichkeit selbst raumlos geworden.

Nach Flusser gibt es keine abgeschlossenen Räume mehr, sondern nur noch Netze und Informationskontinua. Der Philosoph prophezeite bereits 1991, dass der künftige Raumbegriff nicht mehr kartesisch sein werde, sondern informatisch. Der Raum werde eine lebende Haut sein, die Informationen aufnimmt, speichert und weiterverarbeitet. «Wenn nun die beiden Raumkategorien privat und öffentlich aufgegeben sein werden (und sie sind ja bereits zerfallen), dann wird das Wohnen, das Arbeiten und der Zeitvertreib (die lange und kurze Weile) unter dem Zeichen der Informatik ins Zentrum des Raumproblems treten.»

Risikogebiet – bitte nicht betreten!

Das Raumproblem der Bewohner von Sunrise war ja auch ein informatisches: Ein Bug hatte dazu geführt, dass es digital und praktisch auch physisch inexistent war. Das heisst, die georäumliche Kontrolle weitet sich auf die digitale Sphäre aus. Wo kein virtueller Raum ist, ist auch kein physischer. Der Tech-Gigant hat die (theoretische) Macht, einen Ort durch blosses Entfernen von seinem Kartendienst auszuhungern. Google ist die Raumwerdung einer digitalen Macht, die man abgesehen von ein paar Rechenzentren in der Peripherie nicht sieht.

Die Frage ist, ob es in einer solchen programmierten Umgebung, wo man Orte nur noch mit programmierten Apps ansteuert, überhaupt noch Raum für Diskussion und Kreativität gibt – Spielräume, Möglichkeitsräume, Denkräume, Assoziationsräume, Freiräume – und was die raumgestalterische Aufgabe der öffentlichen Hand sein soll. Ist Stadtplanung bloss ein Oberflächenphänomen, die Kulisse dessen, was sich im Metropolis-haften Maschinenraum darunter abspielt? Was passiert, wenn der Kartendienst Waze eine Gegend kurzerhand zum Risikogebiet erklärt und Nutzer vor dem Betreten warnt, obwohl es dort sicher ist?

Würden dann nicht virtuelle Zugangsbarrieren über den physischen Raum gelegt? Wenn der Raum informatisiert ist – wie lassen sich diskursiv Grenzen bestimmen? Politik bedeutet ja auch, Räume zu gestalten, zu öffnen, zu schliessen, zu definieren. Doch was ist der Raum des Politischen, wenn der physische und der virtuelle Raum von privaten Konzernen kontrolliert werden?

Der Traum von der totalen Kontrolle

Die Autorin Bariaa Mourad hat den Topos einer «technoid-autoritären Metropole» entwickelt, einer mit Überwachungstechnologien vollgestopften Stadtmaschine, die auf der mentalen Topografie des Autoritarismus aufbaut. Die «aggressiv-autoritäre» Extrapolation von Daten durch urbane Überwachungsapparate ersetzten die für die Psyche und Emotionalität des Menschen konstitutiven sozialen Bindungen durch Denunziantentum.

«Geografie, Urbanität und Gedankenraum», schreibt Mourad, «verdichten sich immer mehr zu einem hypertrophen apokalyptischen Denunziations- und Kontrollraum mit schicksalsbestimmendem – Generationen überspannendem –, nahezu unlöschbarem Erpressungs- und Stigmatisierungspotenzial.»

Man muss nicht so weit gehen, den überwachungskapitalistischen Datenextraktivismus als denunziatorisch zu bezeichnen. Doch die Dialektik zwischen öffentlicher Raumkontrolle und privatisierten Kontrollräumen scheint zugunsten Letzterer zu kippen. Die Bewohner von Sunrise können ein Lied davon singen: Ihr digitales Stadtrecht wurde temporär von Google ausgesetzt. Der Weg vom Kontrollraum zum totalen Kontrolltraum ist da nicht mehr weit.