Robert Musils Mutter lebte in einer Ménage-à-trois, die dem Sohn einiges Kopfzerbrechen bereitete

Die Eltern des Schriftstellers scheinen keine besonders glückliche Ehe geführt zu haben. Für die Literatur war das ein Gewinn.

Karl Corino
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Im Juli 1888 macht die Familie Musil samt Hausfreund einen Ausflug zum Achensee. Davon gibt es eine Fotografie, die wie ein Soziogramm der Familie wirkt: der Hausfreund, der Gewerbelehrer Heinrich Reiter, thront in der Mitte des Bildes, in Tuchfühlung zu seiner Rechten Hermine Musil, in deren Rock er sein Knie bohrt, im Hintergrund stehend Alfred Musil, bis zur Brust verdeckt vom Galan, und als linker Flügelmann der kleine Robert Musil, knapp achtjährig, in Steyrer Tracht, mit einem langen Stock und ziemlich finsterer Miene, sichtlich verdrossen in der Nähe dieses Mannes, an den er sich zu lehnen und den er Onkel Heinrich zu nennen hat, obwohl es keine Blutsbande gab.

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Die Familie Musil mit Heinrich Reiter, dem Liebhaber der Mutter, in der Mitte.

Die Familie Musil mit Heinrich Reiter, dem Liebhaber der Mutter, in der Mitte.

Archiv Karl Corino

«Er war nicht wirklich ein Verwandter, sondern ein Freund beider Eltern, einer jener Onkel, welche die Kinder vorfinden, wenn sie die Augen aufschlagen», heisst es in «Tonka» sibyllinisch von Hyazinth, einem Spiegelbild Heinrich Reiters. Die Freundschaft der Eltern Musil zu dem Besagten rührte aus den Jahren 1881/82, als Alfred Musil Leiter der Mechanischen Lehrwerkstätte in Komotau und Reiters Vorgesetzter war, und sie überdauerte dessen Versetzungen nach Steyr und Brünn.

Es scheint so, als habe Hermine «gegen ihren Typ» geheiratet. «Mein Vater: ein etwas ängstlicher Mensch, der keine Todesfurcht kannte. Er ist nicht feig gewesen, sondern, was eben die Worte sagen: ängstlich oder furchtsam. Was heisst das übrigens? Eine weiche, einschüchterbare Anlage, und darübergelagerte höhere Dispositionen.» So schreibt Robert Musil über seine Eltern. «Sie hat meinen Vater geschätzt, aber er hat nicht ihren Neigungen entsprochen, die anscheinend in der Richtung des männlichen Manns gegangen sind.»

Ein Fall für den Psychiater

Alfred Musil ritt zwar in seiner Grazer Jugend, was ja auch einen gewissen Mut verlangt, aber er war kein Jäger und Fischer wie Hermines Brüder, deren wilde Geschichten voller Nimrod-Histörchen und Angler-Latein man in der Familie Bergauer noch in den 1960er Jahren erzählte. Diesem romantischen Männerideal entsprach der grosse, stattliche Heinrich Reiter sehr viel mehr als der etwas schüchterne Techniker Alfred Musil. Und für das Kind Robert ergab sich ein merkwürdiges Rätsel: Der Vater war Reiter, aber Reiter war nicht der Vater.

Den Alltag mit Hermine zu leben, wird nicht einfach gewesen sein. Die Frau Direktor war im Grunde ein Fall für den Psychiater. «Grosse nervöse Reizbarkeit; Heftigkeit u. Weiterbohren eines Reizes bis zum Ausbruch. Heftigkeit übergehend in Weinkrampf. Abhängigkeit dieser Vorgänge von inneren. Auf gesteigert glückliche oder verhältnismässig harmonische Tage folgte unweigerlich ein zum Ausbruch treibender. Der Zusammenhang mit ihrer Ehe unklar . . . Späterhin hysteroide Züge. Aber auffallenderweise ohne Lüge, auch ohne Theatermachen. Also wohl eher ein nervöses Nichtzurechtkommen mit etwas, das zur krampfartigen Reaktion geführt hat, wie es bei schwachen Personen auch ohne Hysterie vorkommt. In dieser Art ein Kampf um meine Sohnesliebe und Sohnesbewunderung.»

Unter diesen Umständen drohte jede familiäre Debatte in eine Katastrophe und in Sturzbäche von Tränen zu münden. Sokratische Dialoge mit schrittweiser Annäherung an die Wahrheit waren im Hause Musil offenbar nicht möglich. Wo so nahe ans Wasser gebaut war, dürfte das eheliche Gespräch bald ausgetrocknet gewesen sein und sich auf Selbstverständliches beschränkt haben.

Eine Ausnahme muss es indes gegeben haben. Ein Religionsgespräch wie in «Faust», der Szene «Marthens Garten». Es gelang Alfred, den bei den Bergauers hergebrachten Katholizismus zu zersetzen und seine Hermine auf den Materialismus der Techniker einzuschwören: Hinfort glaubten sie gemeinsam nicht mehr an die Auferstehung des Fleisches und das ewige Leben.

Mag das metaphysische Interesse damit erloschen sein, es blieben die Musik und die Literatur. Hermine besass einen Blüthner-Flügel, den sie mit gehobenem Amateurniveau traktierte, und eine Handbibliothek, bei welcher der Anschluss an die Gegenwart nicht gänzlich verloren war wie – so das Urteil des Sohnes – bei der Büchersammlung ihres Gatten.

Der Rivale des Sohnes

Hermine las und ermunterte ihren Sohn, zu lesen und zu schreiben, etwa indem sie ihm Bücher des Schweizer Autors Ernst Zahn schenkte. Nicht von ungefähr bedankte Robert sich bei ihr im Juli 1904 während eines Genesungsurlaubs am Wörthersee für «10-jähriges, verdienstvolles Zusammenwirken». Zwei Ferienaufenthalte in Pörtschach 1904 und 1906 mit der Mutter ohne Heinrich Reiter scheinen zu den seltenen glücklichen, nicht von Eifersucht getrübten Phasen gehört zu haben.

Wohlwissend um die heftigen Rivalitätsgefühle des Sohnes, machte Hermine ihm eines Tages das Geständnis, «wieso H[einrich]. zu dem einzigen Inhalt ihres Lebens wurde. Bis dahin war zwischen R.[obert] und ihr Chicane (hauptsächlich wegen He[inrich]). Nun zerbricht dies, wie er sie anders ansehen muss.»

Auf den Tag genau lässt sich nicht sagen, wann sich das zugetragen hat, aber es liegt auf der Hand, dass die Beziehung zwischen Hermine Musil und Heinrich Reiter eine andere Qualität bekam, als er sich zur Jahrhundertwende von der Staatsgewerbeschule Bielitz nach Brünn versetzen liess und dort die Maschinenfächer unterrichtete. Aus einer Sommer für Sommer aufgefrischten Ferienbeziehung wurde eine Art Reserve-Ehe. Reiter war nun täglich verfügbar, zwar immer mit eigenen Wohnungen, aber ihr zuhanden wie ein Gatte zur Linken.

Dies fiel umso mehr ins Gewicht, als Alfred Musil immer weniger Zeit hatte für seine Frau. Seit der Übernahme der Professur für Maschinenbau an der TH Brünn im Jahr 1890 wurde er mit Aufgaben überhäuft. Er war Rat des Patentgerichtshofs, beeideter Sachverständiger des Landesgerichts, Mitglied der Prüfungskommission für behördlich autorisierte Maschineningenieure, Mitglied der Automobil-Prüfungskommission für Mähren, 1894 bis 1896 Dekan der Abteilung für Maschinenbau und Elektrotechnik, im Studienjahr 1897/98 Rektor und 1905/06 Rector magnificus der Technischen Hochschule.

Daneben entwickelte er eigene Patente, etwa zur Steuerung von Turbinen, schrieb und übersetzte Lehrbücher und machte in den Sommerferien Studienreisen nach Deutschland oder England. Und wenn er wirklich einmal ein wenig freie Zeit hatte, malte er – Porträts im akademisch-realistischen Stil oder mythologische Landschaften mit bogenschiessendem Amor und Schwänen. Ein einsames Geschäft auch dies.

Freie Bahn für den Liebhaber

Die übermässige Beanspruchung Alfred Musils überliess Gevatter Heinrich sozusagen ein gemähtes Wieslein, er war ein Mann ohne Werk, diente wohl routiniert seine Unterrichtsstunden ab, ging auf die Jagd und liess sich mit 54 Jahren pensionieren. Da blieb genug Zeit für Minnedienst und für Reisen mit Hermine ­– notfalls mit Robert als unbequemem Dritten. Wie man sich eine solche Tour vorstellen kann, lässt sich wohl der Novelle «Tonka» entnehmen – mit Hyazinth als dem nur leicht kaschierten Double Heinrich Reiters.

Einmal «war die Mutter auf einer Reise unwohl geworden, und Hyazinth, der an ihrer Statt dem Vater schreiben musste, fragte unlustig: was soll ich denn schreiben? – er, welcher der Mutter bogenlange Episteln bei jeder Trennung schrieb! –: da gab es Zank, denn der Junge war wieder böse geworden, das Unwohlsein der Mutter verschlimmerte sich, schien gefährlich zu werden, man musste helfen, Hyazinths Hände kreuzten dabei immerzu die Wege der seinen, und immerzu stiess er sie weg. Solange, bis Hyazinth fast traurig fragte: ‹Warum stösst du mich denn fortwährend weg?› Da war er über den Ton des Unglücks in dieser Stimme erschrocken. So wenig weiss man, was man weiss, und will man, was man will.»

Mit dem zu Ende gehenden 19. Jahrhundert ergab sich aufgrund körperlicher Beschwerden Hermines, konkret wegen Arthritis in den Beinen, eine neue Konstellation, auch in eroticis. Kleists Formulierung von den Knien des Herzens gewann unerwartete Aktualität. Alfred liebte in seinen knappen Ferientagen Bergwanderungen. Hermine konnte ihn nicht mehr begleiten und kurte ab 1900 ziemlich regelmässig in der Kaltwasser-Heilanstalt der Doktoren Hertzka und Winternitz zu Bad Ischl.

Anhand der Gästelisten lassen sich die Spuren der Akteure ziemlich gut verfolgen. Es gab Jahre wie 1899, in denen Hermine Patientin bei Dr. Hertzka war, Alfred und Robert im Hotel Stern Ischl wohnten und Reiter unter Wahrung der Dezenz im Hotel Zur Stadt Gmunden. Bei anderen Gelegenheiten, 1910 zum Beispiel, logierte Alfred in Aussee im Hotel Kaiser von Österreich, während Hermine und Reiter ungeniert in der Kuranstalt Alpenheim Unterschlupf gefunden hatten.

Ähnlich 1911, als Alfred in Aussee im «Erzherzog Johann» logierte, während Hermine und Reiter im Badehotel Elisabeth gemeinsame Sache machten. Da capo 1912, als Hermine und Reiter erneut gemeinsam unter dem Dach dieses Badehotels die Annehmlichkeiten der Kur genossen. Alfred stapfte derweil, quasi ausquartiert, durch die Berge von Steinach am Brenner.

Platonisch oder nicht?

Niemand kann sagen, ob das Schwert der Moral die Betten trennte. Ob Alfred nolens volens den Kuppler spielte? Der sogenannte gesunde Menschenverstand wäre vom sexuellen Fait accompli ausgegangen, der Sohn war von einer abgründigen Ratlosigkeit.

Einerseits sprach er – um mit dem Erzähler von «Tonka» zu reden – von einer unerklärlichen «ausdauernden, bewundernden, selbstlosen Liebe» dieses mysteriösen Onkels, andererseits schilderte er Erlebnisse, die ihn an diesem Platonismus zweifeln liessen.

«Er war einmal nachts mit der Mutter und Hyazinth gereist, und so um zwei Uhr, in der rücksichtslosen Müdigkeit, wenn die Körper im Eisenbahnzug schwanken und nach Unterstützung suchen, schien es ihm, dass seine Mutter sich an Hyazinth lehnte, voll Einverständnis, und Hyazinth fasste ihre Hand. Seine Augen waren weit geworden vom Zorn damals, denn sein Vater tat ihm leid; aber als er sich vorbeugte, sass Hyazinth allein und seine Mutter hatte den Kopf zu der von ihm abgewandten Seite geneigt.

Und nach einer Weile wiederholte sich das Ganze. So gross war die durch das ungenaue Sehen hervorgerufene Qual oder so ungenau durch die Qual in der Dunkelheit das Sehen. Er sagte sich schliesslich, dass er nun doch überzeugt sei, und nahm sich vor, seine Mutter am Morgen zur Rede zu stellen; aber als der Tag schien, war das verflogen wie die Dunkelheit.»

Die Tatsache, dass der Vater zu Beginn des Jahres 1911 die ersten kleineren Schlaganfälle erlitt, vertiefte das Mitgefühl des Sohnes. Am 25. Februar 1911 registrierte er in seinem Tagebuch eine Nachricht der Mutter und des Hausarztes, «dass Papa nur bei grosser Schonung noch zehn Jahre leben kann, aber auch jeden Augenblick Blutaustritt ins Gehirn zu gewärtigen ist. Ein Anfall vorher.»

Die Apoplexien wiederholten sich tatsächlich, Glaukomoperationen und ein Eingriff an der Prostata kamen hinzu. Solche Widrigkeiten hinderten aber die «Ungetrennten und Nichtvereinten» – wie man das rätselhafte Paar nennen könnte – keineswegs, im Sommer 1911 und 1912 noch einmal à deux die Annehmlichkeiten des Badehotels Elisabeth an der Altausseer Strasse zu geniessen.

Der Schriftsteller Robert Musil in einer Aufnahme um 1930 herum.

Der Schriftsteller Robert Musil in einer Aufnahme um 1930 herum.

Ullstein Bild

Das Ende dieser Reisen voll schmerzhafter Lust kam erst mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Hermine war inzwischen zur fülligen Matrone geworden und gebrauchte Radiumtinkturen gegen die entzündeten Kniegelenke. Das Echo auf die neue Situation in «Tonka» – man beachte die militärische Metaphorik: «Ihre Ehe hatte erst einen Inhalt bekommen, als sein Vater erkrankte. Als etwas Soldatisches, eine Wache, die ihren Posten gegen Übermacht verteidigte . . . Bis dahin hatte sie mit Onkel Hyazinth nicht vor noch zurück gekonnt . . . Sie maskierten ihr Verhältnis sorgfältig und auch vor sich als geistige Freundschaft, aber es gelang nicht immer, und zuweilen waren sie ganz entsetzt über Hyazinthische Schwächen, die sie in Gefahr brachten und unsicher machten, ob sie nun fallen müssten oder starkmütig zur alten Höhe wieder hinansteigen sollten. Als aber der Gatte erkrankte, war den Seelen der Halt geschenkt, nach dem langend, sie um den einen Zentimeter wuchsen, der zuweilen noch gefehlt hatte. Von da an war die Gattin geschützt durch Pflicht, machte gut durch verdoppelte Pflicht, was etwa noch in Empfindungen gesündigt wurde, und das Denken war durch eine einfache Regel, welche jetzt den Ausschlag gab, vor jenem Schwanken zwischen Verpflichtung zur Grösse der Leidenschaft und zur Grösse der Treue gesichert, das so besonders unangenehm war.»

Don Juan in Filzpantoffeln

Während Hermine ab dem Jahr 1914 den von Schlagflüssen geplagten Gatten sowie in Lazaretten Verwundete pflegte und Heinrich Reiter auf Distanz hielt, betrachtete Robert die Front-Jahre als Urlaub von der Familie. Die Trafoier Eiswand an der Südtiroler Front war keine schlechte Metapher für die Unterkühlung seines Verhältnisses zu den Eltern.

Sie bekamen offenbar oft wochenlang keine Post von ihm, worüber sich Hermine bei der Schwiegertochter Martha bitter beklagte. Zu einem Besuch in Brünn kam es gar erst im Februar 1918 anlässlich der Prostataoperation bei Alfred – ein Wiedersehen nach dreieinhalb Jahren. Dort, in der Augustinergasse 10, erlebte er ein Idyll vor dem Hintergrund einer «Operation auf Leben und Tod».

Zum ersten Mal lässt er Heinrich Reiter selbst zu Wort kommen. «Erzählt: Das hats Minnerl gern, wenn sie im roten Stuhl sitzen kann und wir machen ein rechtes Gemurmel, der Donath, der Alfred und ich. Und sie hört hie und da ein bissel zu und schlaft dann wieder. Da ruht sie sich am besten aus.»

Das hat den Charme eines Don Juan in Filzpantoffeln. Mehr Caritas als Eros. Und das ist die Entwicklung der letzten Jahre. Je kränker Hermine und Alfred werden, desto wichtiger werden die pflegerischen Qualitäten Reiters. An ihrem letzten Krankenbett sitzt er, nicht Alfred, der zu solchen Tag- und Nachtwachen nicht mehr in der Lage ist.

«Sie war in ihrer Krankheit [Diabetes im Endstadium] oft sehr zornig. Sie liess Heinrich 15mal hintereinander, immer zorniger den Polster umdrehn. Er macht nach, wie sie ihn anfletschte, Zähne entblösst, beide Kiefer vorgeschoben, und ist gerührt darüber . . .» «Heinrich zeigt es mir. In diesem Zimmer ist sie gestorben. Und platzt heraus; sein Unterkiefer schiebt sich hakenförmig vor.» «Papa will keinen Trost mit Möglichkeiten. Sein Schmerz ist: nie mehr wird das wieder sein. Alles soll weg, was ihn erinnert. Ich bin mit ihr zum Einsiedler geworden, sagt er, nimms nicht übel, ich bin auch lieber ohne Dich.»

«Fürchterlicher Zustand: man möchte etwas Liebes tun oder sagen. Man will nicht begreifen, dass es nicht mehr möglich ist. Ich habe ja nicht Abschied genommen, es ist unabgeschlossen: es ist nicht für mich zuende, nur für sie. Die sie hinsiechen gesehn haben, sind vorbereiteter; da ist eine Erlösungskomponente auch für sie.»

Musil vollzog den Abschied vier Jahre später in seiner Novelle «Die Amsel», die 1928 erstmals in der «Neuen Rundschau» erschien. Im «Mann ohne Eigenschaften» und seinen Vorstufen war die Rolle der Mutter ausgespart. Musil hatte zu Recht das Gefühl, dass er diese Lücke schliessen musste, ja, dass vielleicht seine Arbeitskrise hinsichtlich des grossen Romans mit diesem Versäumnis zu tun hatte.

In diesem neuen Text, der in einem so ehrenden Sinne wie möglich ein Lückenbüsser war, versuchte er, eine Bilanz der mütterlichen Existenz zu ziehen, nicht ohne kritische Töne in dem Gesang, in den er die Mutter, den Himmelsvogel, verwandelte. Er nannte die Mutter eine «Löwennatur . . ., in das wirkliche Dasein einer mannigfach beschränkten Frau gebannt».

Eine Beute der Nervosität

«Sie war nicht klug nach unseren Begriffen, sie konnte von nichts absehen und nichts weit herholen; sie war, wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, auch nicht gut zu nennen, denn sie war heftig und von ihren Nerven abhängig; und du magst dir vorstellen, was aus der Verbindung von Leidenschaft mit engen Gesichtsgrenzen manchmal hervorgeht. Aber ich möchte behaupten, dass es eine Grösse, einen Charakter gibt, die sich mit der Verkörperung, in der sich ein Mensch für unsere gewöhnliche Erfahrung darstellt, heute noch so unbegreiflich vereinen, wie in den Märchenzeiten Götter die Gestalt von Schlangen und Fischen angenommen haben.»

Im Rückblick auf seinen «Nachlass zu Lebzeiten» notierte Musil: «Es ist mir in der ‹Amsel› nicht gelungen, die Stärke meiner Mutter auszudrücken, die scheinbar in nichts bestand . . . Es war oft ein hoher affektiver Druck hinter ihren Reaktionen, u. dieser war in edlen und sympathischen Grundsätzen stabilisiert. Leider auch die Beute ihrer ‹Nervosität›.»

Es fehlten in diesem Gesang offenbar manche Höhen und Tiefen, die dem Unvermögen wie der Schweige-Bitte der Verstorbenen zum Opfer fielen.

Litt Musil, wie manche Augenzeugen behaupten, unter seiner Mutter schlimmer als Rilke unter der seinen? Ein Gedicht Rilkes aus dem Oktober 1915 beginnt mit dem Vers: «Ach wehe, meine Mutter reisst mich ein.» Die letzte Strophe hebt noch deutlicher an: «Von ihr zu mir war nie ein warmer Wind.»

Vielleicht können die hohen Herren auf dem Parnass das unter sich ausmachen.

Karl Corino zählt zu den bedeutendsten Musil-Forschern. Er hat neben zahlreichen weiteren Schriften eine im Rowohlt-Verlag erschienene Biografie des Schriftstellers veröffentlicht.