Friedhof Sihlfeld in Zürich zeigt: vor dem Tod sind alle ungleich
Allegorische und mythische Jugendstil-Frauenfiguren sind auf jenem Teil des Friedhofs Sihlfeld, der im 19. Jahrhundert errichtet wurde, allgegenwärtig. (Bild: Simon Tanner / NZZ)

Allegorische und mythische Jugendstil-Frauenfiguren sind auf jenem Teil des Friedhofs Sihlfeld, der im 19. Jahrhundert errichtet wurde, allgegenwärtig. (Bild: Simon Tanner / NZZ)

Vor dem Tod sind alle ungleich: was der Friedhof Sihlfeld über die Zürcherin des 19. Jahrhunderts verrät

Die Rollen von Frau und Mann spiegeln sich sogar auf der letzten Ruhestätte. Doch nicht unbedingt so, wie man das erwarten würde.

Katja Baigger (Text), Simon Tanner (Bilder)
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Ein Todesengel wacht über dem Grab der Familie Heer Schweizer, eine Ewigkeit schon, seit rund 140 Jahren. Die überlebensgrosse Frau mit Flügeln lehnt sich mit ihrem Arm an ein steinernes Kreuz mit täuschend echter Holzmaserung, ihr Kleid wirft Falten. Unverwandt blickt sie den beiden Spaziergängerinnen ins Gesicht. «Der wurden ja Augen aufgemalt!», entfährt es der Schreibenden. «Das ist der Naturalismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts», erklärt Andrea Wild während des Rundgangs auf dem Friedhof Sihlfeld. Die Historikerin und Archivarin mit Jahrgang 1976 will nicht nur für die Schublade arbeiten. Daher engagiert sie sich ehrenamtlich beim Frauenstadtrundgang Zürich.

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Die Archivarin Andrea Wild will nicht nur für die Schublade arbeiten. (Bild: Simon Tanner / NZZ)

Die Archivarin Andrea Wild will nicht nur für die Schublade arbeiten. (Bild: Simon Tanner / NZZ)

Der 1877 auf Höhe der Ämtlerstrasse errichtete erste Teil der konfessionslosen Ruhestätte mit seinen pompösen Familiengräbern ist Andrea Wilds Forschungsgebiet. Sie und andere Historikerinnen vom Frauenstadtrundgang haben in den Zürcher Archiven über den Umgang mit Sterben und Tod recherchiert. Am Samstag während der langen Nacht der Museen werden diese Quellen lebendig. Wild und weitere Historikerinnen bieten mit dem Friedhof-Forum eine Tour entlang der Gräber an. Sie zeigen auf, wie die Rollen der Geschlechter im 18. und 19. Jahrhundert mit dem Ende des Lebens verknüpft waren und wie sie sich bis heute auch auf dem Friedhof Sihlfeld widerspiegeln.

Man könnte etwas plakativ annehmen, dass Frauen weniger attraktiv gelegene Grabfelder erhielten. Wild verneint entschieden, räumt aber ein, es gebe eine Ausnahme. Über Frauen, die während der Schwangerschaft oder im Wochenbett verstarben, dachte man früher, sie seien unrein, weil sie an die Erbsünde erinnerten. Das spätmittelalterliche Kirchenrecht verbot sogar ihre Bestattung in geweihter Erde. Auch später wurden sie an besonderen Orten begraben, so dass diese Grabstellen von den Lebenden leicht gemieden werden konnten. Der Friedhof Sihlfeld jedoch sei als Zentralfriedhof dem Ideal der Gleichheit verpflichtet, erklärt Wild. Deshalb gebe es hier keine Unterschiede in der Grablegung.

Ersichtlich wird jedoch zwischen dem Efeu und den Thujabäumen, dass man im Zürich des 19. Jahrhunderts das Emotionale mit dem Weiblichen verband. Wild weist auf die zwischen den Gräbern allgegenwärtigen allegorischen und mythischen Frauenfiguren. Bildhauer und Künstler hätten Engel lange als geschlechtslose Wesen dargestellt, sagt Wild. Seit der Renaissance jedoch nahmen die geflügelten Figuren zunehmend weibliche Gestalt an. Und im 19. Jahrhundert wurden sie dann ausschliesslich weiblich dargestellt.

Auch in Wiedikon ist das so. Die Frauenstatuen stehen gebückt und wirken schwach, bisweilen sind ihre Körper erotisierend dargestellt, alle trauern sie. Trauernde Männerfiguren hingegen sieht man hier nur wenige. Das passte nicht zur Vorstellung des «starken Geschlechts». Dieses erträgt den Schmerz und die Trauer, ohne Schwäche zu zeigen. Wenn Männerbüsten die repräsentativen Gräber schmücken, sind es Abbilder der Verstorbenen.

Anfang und Ende des Lebens ist Frauensache

Dass man damals der Auffassung war, dass das weibliche Geschlecht für «Pietätsangelegenheiten» wie geschaffen sei, zeigt sich auch an den Berufen rund um Leben und Tod. Den Anfang und das Ende des Lebens zu verkünden, galt in Zürich bis ins ausgehende 19. Jahrhundert als eine Sache der Frauen. Bevor Geburts- und Todesanzeigen in Zeitungen üblich wurden, waren Frauen als Botinnen dieser Ereignisse auf den Strassen der Stadt unterwegs, um die Bevölkerung zu informieren.

Wurde ein Kind geboren, so machte ein sogenanntes Freudenmädchen weiss beschürzt und mit einem Blumenstrauss in der Hand die Runde und kündigte in die Gassen rufend an, wessen Säugling gerade das Licht der Welt erblickt hatte. Starb eine Person, so beklagte die Leichenbitterin lauthals, die Seele eines Einwohners sei zum Schöpfer zurückgekehrt. Über ihre Kleidung hiess es 1871 im Beschluss eines Kranken- und Begräbnisvereins: «Bei ihren Dienstverrichtungen haben sie in reinlicher, einfacher schwarzer Kleidung mit weisser, in Weiss oder Schwarz garnierter Haube zu erscheinen.»

Der Beruf der Leichenbitterin sei in der Stadt Zürich ausschliesslich von Frauen ausgeführt worden, erklärt Andrea Wild. Die anderen Professionen im Zusammenhang mit dem Tod, etwa Totengräber, Sargschreiner oder Sargträger, seien den Männern vorbehalten gewesen. Die Leichenbitterinnen organisierten auch die Leichenzüge. Wild erwähnt einen Kupferstich von David Herrliberger aus dem Jahr 1752. Dieser zeigt die klare gesellschaftliche Hierarchie bei der Beerdigung eines Zünfters: Man versammelt sich beim Haus des Toten, die Frauen drinnen beim aufgebahrten Leichnam, die Männer draussen. Sargträger bringen den Sarg aus dem Haus. Die Namen der Trauernden werden verlesen, danach stellt man sich in Zweier- oder Dreierkolonnen auf: zunächst die männlichen Verwandten, dann Vorgesetzte, Zunftmitglieder, die übrigen Männer und erst dann die weiblichen Verwandten, die übrigen verheirateten Frauen und am Schluss die Leichenbitterin.

Leichenbitterin als Totenhenne verspottet

Doch Zürichs Bevölkerung störte sich zunehmend an den wehklagenden Frauen. Eine Karikatur aus dem Jahr 1834 zeigt die Leichenbitterin von Zürich, auch Chilchgangsängeri genannt, mit langgezogenem Mund. Sie wurde als Totenhenne verspottet, wie ein Gedicht aus demselben Jahr zeigt: «Was rennt das Weib – was schreit sie dort / die langen Gassen heulend fort? / Da muss die Totenhenne krähen – / um meinen Himmel – war’s geschehen. / Ich kann mir wahrlich nicht erklären, / warum die ganze Stadt muss hören, / wenn einer scheidend aus der Welt / ins dunkle Grab den Einzug hält.» Ein Jahr später legte der Stadtrat fest, dass das Ausrufen der Toten durch gedruckte Anzeigen ersetzt werden sollte. Die Leichenbitterinnen wurden nun für das Vertragen der «Todtenzedel» angestellt.

Auf dem Rundgang am Samstag wird die Zürcher Leichenbitterin Regina Baumberger-Truninger als historische Zeitzeugin wiedererweckt, die Tourguides werden sie verkörpern. Die 1827 geborene Frau, die den Beruf von 1864 bis 1899 ausübte, arbeitete für die Stadt sowie den privaten Begräbnisverein «Zum Kreuz». Sie verdiente im Jahr 1897 als Urnenbewacherin 208 Franken 50, was einem heutigen Jahressalär von 10 000 Franken entspricht, wie die Historikerinnen des Frauenstadtrundgangs herausgefunden haben. Baumberger-Truningers Lohn hing von der Anzahl Begräbnisse ab. Sie verfügte also nicht über ein regelmässiges Einkommen. Das männliche Leichenwartpersonal, dessen Arbeitsaufwand ebenfalls von den Begräbnissen abhing, war hingegen im Jahreslohn angestellt. Diese Zürcher Leichenbitterin, so sagt es Andrea Wild, sei nach 1909 verarmt gestorben, wann genau ist nicht bekannt.

Wir bleiben vor dem Grabmal von Johanna Spyri stehen. Ihr stolzer Grabstein überragt jenen ihres Mannes und jenen ihres Sohnes, von denen er eingerahmt wird. Während bei vielen – oft unbekannten – männlichen Toten der Beruf auf dem Grabstein angegeben ist, steht bei der weltberühmten Schöpferin des unsterblichen Heidi nicht etwa «Jugendschriftstellerin», sondern gar keine nähere Bezeichnung. Solche Angaben fehlen bei den meisten auf dem Friedhof begrabenen Frauen. «Spyris Nachfahren hätten sie ja mit den Insignien ihrer Tätigkeit, mit Feder und Papier, verewigen können», schlägt Wild vor. So hat es nämlich der einstige Stadtbaumeister Arnold Geiser, unter anderem Erbauer des Friedhofs Sihlfeld, getan, der ein paar Schritte weiter seine letzte Ruhe gefunden hat. Ein Zirkel und ein Winkel zieren seinen Grabstein.

Das Freudenmädchen und die Leichenbitterin, im Hintergrund Limmat, Rathaus und Grossmünster, datiert auf 1844, Urheber: Franz Hegi und David Hess. (Bild: Zentralbibliothek Zürich)

Das Freudenmädchen und die Leichenbitterin, im Hintergrund Limmat, Rathaus und Grossmünster, datiert auf 1844, Urheber: Franz Hegi und David Hess. (Bild: Zentralbibliothek Zürich)

Unverwandt blickt dieser weibliche Todesengel, der über das Grab der Familie Heer Schweizer auf dem Friedhof Sihlfeld wacht, der Betrachterin ins Gesicht. (Bild: Simon Tanner / NZZ)

Unverwandt blickt dieser weibliche Todesengel, der über das Grab der Familie Heer Schweizer auf dem Friedhof Sihlfeld wacht, der Betrachterin ins Gesicht. (Bild: Simon Tanner / NZZ)

Die Trauer ist eine emotionale Angelegenheit: Daher wird sie in den Statuen des 19. Jahrhunderts mit der Weiblichkeit verbunden. (Bild: Simon Tanner / NZZ)

Die Trauer ist eine emotionale Angelegenheit: Daher wird sie in den Statuen des 19. Jahrhunderts mit der Weiblichkeit verbunden. (Bild: Simon Tanner / NZZ)

Schmerz und Trost werden auf dem Friedhof Sihlfeld von allegorischen Frauenfiguren verkörpert, wie dieses Familiengrab zeigt. (Bild: Simon Tanner / NZZ)

Schmerz und Trost werden auf dem Friedhof Sihlfeld von allegorischen Frauenfiguren verkörpert, wie dieses Familiengrab zeigt. (Bild: Simon Tanner / NZZ)

Eine wehklagende Frauenstatue. Die Figur bückt sich und wirkt schwach, bisweilen sind die Körper erotisierend dargestellt. (Bild: Simon Tanner / NZZ)

Eine wehklagende Frauenstatue. Die Figur bückt sich und wirkt schwach, bisweilen sind die Körper erotisierend dargestellt. (Bild: Simon Tanner / NZZ)